Die Erwartung! – Schon Goethes Hebamme hätte eine Haftpflicht gebraucht

Weil der kleine Johann Wolfgang blitzeblau auf die Welt kam und erst nach einer “Herzmassage mit Wein die Augen aufschlug” (die ja höchstwahrscheinlich die Hebamme durchführte), wollte seine Mutter die Geburtshelferin für ihre Arbeit nicht bezahlen. Goethe selbst schrieb über seine Geburt später wie folgt:

“Diese guten Aspekten, welche mir die Astrologen in der Folgezeit sehr hoch anzurechnen wußten, mögen wohl Ursache an meiner Erhaltung gewesen sein: denn durch Ungeschicklichkeit der Hebamme kam ich für tot auf die Welt, und nur durch vielfache Bemühungen brachte man es dahin, daß ich das Licht erblickte. Dieser Umstand, welcher die Meinigen in große Not versetzt hatte, gereichte jedoch meinen Mitbürgern zum Vorteil, indem mein Großvater, der Schultheiß Johann Wolfgang Textor, daher Anlaß nahm, daß ein Geburtshelfer angestellt, und der Hebammenunterricht eingeführt oder erneuert wurde; welches denn manchem der Nachgebornen mag zugute gekommen sein. “

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Was, wenn er seine Begabung und Genialität hätte brach liegen lassen? Hätte Goethe es vorgezogen, sich zu langweilen und seine Talente nicht zu entwickeln hätte die Hebamme lebenslänglich einen prima Sündenbock dafür abgegeben. Gut zweieinhalb Jahrhunderte später hat sich für die Hebammen und ihre Verpflichtung zur Rechenschaft rein gar nichts geändert. Außer der Tatsache, dass es nicht um ein ausbleibendes Honorar geht, wenn eine “Ungeschicklichkeit” in der Geburtsbegleitung unterstellt wird, sondern um Schadensersatzansprüche in Millionenhöhe. Und weil die Versicherungen auch nicht gerade das größte Interesse daran haben, in solche Summen als “big spender” verwickelt zu sein, wird in einem Klagefall auch noch zu allen Seiten geprüft, ob die Haftpflicht hier auch wirklich greift und schlussendlich nicht doch die Hebamme als Privatperson für schuldig befunden wird.

Der größte Wahnwitz an der ganzen Geschichte ist, woran sich die Rentenansprüche orientieren, wenn eine Beeinträchtigung des Kindes nicht als Kunstfehler ausgeschlossen werden kann: Sind die Eltern Manager bei einem großen Konzern, bezieht das Kind ein Managergehalt – schließlich hätte ja ein kleiner großer Manager aus ihm werden können. Ist der Papa bei der Müllabfuhr, dann wird die Rentenzahlung nach dem Gehalt bei der Stadtreinigung bemessen, denn zu mehr hätte es dann wohl auch nicht beim Filius gereicht. Und obwohl es gerade mal um die 100 Klagefälle im Jahr gibt, kommt es zu diesen ungeheuren Summen in der Haftpflicht für Hebammen. Denn diese kleine Berufsgruppe zahlt fleißig die Tausenderscheine ein, damit schließlich die Millionen zusammen kommen, die im Ernstfall benötigt werden. Beim besten Willen kann ich diese Rechnerei nicht mehr ernst nehmen. Ganz abgesehen davon, wie sich hier eine Solidargemeinschaft selbst verhöhnt, die sonst so um Chancengleichheit bemüht ist, funktioniert die Ausgleichszahlung im Schadensfall nach dem Motto: “Aus einem Arbeiterkind kann nicht mal die Hebamme einen Gymnasiasten zaubern. Also wollen wir ihr den Schuh ausnahmsweise mal nicht anziehen.”

Am Anfang eines kleinen Lebens

sind die Erwartungen so unglaublich hoch

dass so manches Kind sie kaum tragen kann.

Die Hebammen helfen ihm nicht nur auf die Welt

sie tragen auch all diese großen Wünsche der Eltern

gemeinsam mit diesem Kind in die Welt

 –

Nicht so offensichtlich

wie sie die Hand der Mutter in den Wehen halten

nicht so laut

wie die Herztöne des Babys aus dem CTG widerhallen

nicht so gefühlt real

wie sie dem frisch gebackenen Vater die Nabelschere reichen

 –

Die Erwartung

sitzt WARTend hinter der Kreißsaaltür

verschwindet mit dem Putzwasser nach der Geburt im Abfluss

immer dann, wenn alles gut gegangen ist.

Sie bäumt sich auf und lässt die Hebamme nicht mehr los

bis ein Urteil gesprochen ist,

wenn sie sich nicht erfüllt.

Welche Erwartungen der Bevölkerung stehen den aktuellen Protesten für den Erhalt des Hebammenberufes in seiner jetzigen Form gegenüber? Frauen entscheiden in ihrer Schwangerschaft frei wie sie sich ernähren, ob und wie sie ihre Lebensgewohnheiten an die neue Situation anpassen. Ob sie fliegen, sich stressigen Situationen aussetzen. Wenn ein Baby einmal auf der Welt ist, dann entscheiden die Eltern, wo das Kind schläft, wie oft es in ihrer Nähe ist. Die Mutter hat die freie Wahl ob sie ihr Kind stillen möchte. Die Eltern entscheiden auch, wie oft ein Kind mit dem Auto herum fährt. (Allein von dieser Entscheidung hängt ein eventuell potentiell stark erhöhtes Risiko für lebensbedrohliche Situationen im Straßenverkehr ab.) Und dazwischen: steht die Geburt. Der Übergang zwischen dem Leben im Mutterleib und dem auf der Welt. Und hier wird alles in Frage gestellt.

Es gibt so endlos viele Situationen die so individuell sind und über die es sich in keiner Weise lohnt zu diskutieren, weil man damit das Leben an sich in Frage stellt. Doch wenn Eltern sich die Freiheit nehmen, den Geburtsort für ihr Kind selbst auszusuchen, DANN wird diskutiert. Es wird auf Sicherheit verwiesen, wo es keine gibt. Nicht selten werden Eltern von Außen angegriffen, die Eigenverantwortung übernehmen und das von Anfang an.

Viele Menschen wollen, dass Hebammen bleiben und setzen sich mit aller Kraft dafür ein. Wie viele dieser Menschen wollen auch ein Stück Eigenverantwortung zurück haben, die sie in den vergangenen Jahrzehnten, vielleicht auch Jahrhunderten abgegeben haben? Wie viele Menschen wollen eigene Entscheidungen für sich und ihre Familien treffen? Wie viele Menschen sind in der Lage das nötige Vertrauen wieder zu entwickeln, dass es für eine gesunde und kraftvolle Geburtskultur braucht? Wie viele Menschen sind bereit für das Leben, in dem vieles gut angelegt und für ein erfolgreiches Gelingen vorbereitet ist. Es ist das selbe Leben, in dem manchmal auch Dinge nach einem anderen Plan laufen, als dem den wir uns ausgedacht haben.

“Dein Geist wird dich leiten,
in jedem Augenblick das Rechte zu wirken.”
Johann Wolfgang von Goethe

(Passend zum Thema, siehe auch dieser ZDF-Beitrag.)

Dieser Artikel ist auch erschienen auf meiner neuen Homepage: www.selbstgeboren.de

Es wäre toll, wenn beim Teilen des Artikels der link der neuen Seite verwendet wird. Danke:-)

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